Bremervörder Zeitung vom 29.7.17

 

Heimatbegriff auf Frischzellenkur

 

 

„Alfster Heimatfrünn“machen Programm für alle Generationen: Plattdeutsch-AG, Theater, Chor, Yoga und Konzerte

 

 

Von Frauke Siems
Alfstedt. Beim Stichwort Heimatverein denken Stadtmenschen genauso wie die meisten Landbewohner an Trachtentanz und Butterkuchen. Dass zur Kultur- und Traditionspflege viel mehr gehört, haben die „Alfster Heimatfrünn“ nicht nur erkannt, sie werden für ihr vielseitiges Programm und ihre tragende Rolle im Vereinsleben in Alfstedt auch mit steigenden Mitgliedszahlen belohnt. Die BZ hat den Vorstand getroffen und wollte wissen, wie man Heimatpflege erfolgreich frischen Wind verleiht.

 

Die „Heimatfrünn“ sind gewissermaßen das Kultur- und Begegnungszentrum in Alfstedt, nur eben nicht räumlich. Dafür gibt es das 2004 eröffnete Heimathaus, das bislang größte Projekt des Vereins. Vorsitzender ist Johann Müller. Bei der Vereinsgründung 1973 war er 16 Jahre alt und eines der jüngsten Gründungsmitglieder. Damals schrieb sich der Verein die „Pflege der plattdeutschen Sprache“ und die „Förderung der Dorfgemeinschaft“ auf die Fahnen. „Wir machen genau das, nur ans Heute angepasst“, erklärt Müller.
Das Programm und die Angebote der „Heimatfrünn“ sind vielfältig. Über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt ist die Plattdeutsch AG in der Grundschule Ebersdorf-Alfstedt. Vor nunmehr 15 Jahren begannen die damalige Vorsitzende Meta Brokering und einige engagierte Mitstreiterinnen, den Kindern Plattdeutsch beizubringen. Bis heute trägt der Verein zum Erhalt der niederdeutschen Sprache bei, mittlerweile auch mit Verstärkung aus Ebersdorf. Ein Kreis um Diana Witte und Susanne Busch-Föllmer besucht die Grundschüler regelmäßig und lernt mit ihnen Platt. Die Sprachfortschritte werden jährlich beim Dorfabend und beim plattdeutschen Nachmittag vor großem Publikum präsentiert. Viele Kinder bleiben am Ball und machen später in der Theater-AG der „Heimatfrünn“ mit. Dort führen Susanne Busch-Föllmer und Diana Witte Regie. Schon mehrfach haben es Jugendliche aus ihrer „Truppe“ bis ins Ensemble der „Wellenbreker“ geschafft. Am 5. August gibt das plattdeutsche Jugendtournee-Theater des Landschaftsverbandes Stade wieder eine Premierenvorstellung in Alfstedt.
Damit ist das Programm aber noch längst nicht erschöpft: Unter dem Dach der „Heimatfrünn“ wird regelmäßig im Chor „CHORoNA“ gesungen (Leitung: Cordula Wintjen) und bei Yoga oder QiGong entspannt. „Im Heimathaus soll Leben herrschen“, betont Johann Müller. Dazu tragen auch Konzerte, Lesungen und Kleinkunstveranstaltungen bei. Chorproben und Übungsabende finden im ersten Obergeschoss statt. Für größere Veranstaltungen steht der gemeindeeigene Saal im benachbarten Gasthof Steffens zur Verfügung.
Ein Konzept hat der Verein formal nicht: „Wir machen das, wie wir das für richtig halten“, meint Johann Müller ganz pragmatisch. Ziel sei es, interessant zu bleiben. „Ein Heimatverein sollte nicht nur Senioren ansprechen, sondern jede Generation.“ Deshalb freut sich der Vorstand auch über Tipps und Anregungen. Jüngstes Beispiel ist die Veranstaltung „Andere Länder, andere Sitten“: Vereinsmitglieder und Gäste zeigen einander im gemütlichen Kreis im Heimathaus ihre Urlaubsbilder.
Heimatpflege, sei „nicht die Anbetung der Asche, sondern das Weiterreichen des Feuers“, erklärt Johann Müller. Heimat sei Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dass er und die Vorstandsmitglieder an einem Strang ziehen, hat den „Heimatfrünn“ in den vergangenen fünf Jahren über 30 neue Mitglieder beschert, knapp 300 sind es zurzeit.
Ungefähr acht Vorstandssitzungen gibt es pro Vereinsjahr. Untereinander herrsche ein „tolles Miteinander“. Die Arbeit verteile sich auf viele Schultern, und „richtig gestritten haben wir uns noch nie“, meint die Zweite Vorsitzende, Regina Tiedemann. „Es wird diskutiert, und jede Meinung wird gehört“, ergänzt Diana Witte. „Es muss Spaß machen, sonst macht man ein Ehrenamt nicht lange“, sagt Müller. Der Vereinsvorsitzende ist froh, dass es „von außen“ so viel Zuspruch für die „Heimatfrünn“ und ihr Angebot gibt. „Wir haben so viele Helfer und Unterstützer, die den Raum oben sauber machen, den Garten gestalten oder mal für einen frischen Anstrich sorgen.“ Auch das Heimathaus sei „voll etabliert“. Alfstedt habe insgesamt „noch viele Vereine“, mit denen die „Heimatfrünn“ „schon viel zusammen gemacht“ hätten.
Morgen zum Beispiel findet in Alfstedt das Sommerfest statt, das die „Heimatfrünn“ zusammen mit dem TuS Alfstedt organisieren. Das Fest beginnt mit einem Gottesdienst, im Anschluss gibt es Gesangs- und Tanzdarbietungen vom Chor „CHORoNA“ und den Tanzgruppen des TuS sowie Sport und Spiel. Im ersten Stock des Heimthauses wird eine Ausstellung zum Thema „Schule“ gezeigt. Die Exponate sind Leihgaben aus dem Dorf. „Jeder bringt etwas und nimmt es abends wieder mit nach Hause“, erläutert Müller. Damit schon ab Montag unter dem Dach der „Heimatfrünn“ wieder Platz für neues Leben ist.

 

Dieser Vorstand packt an: Susanne Busch-Föllmer (sitzend, von links), Ina Müller, Bettina Müller und Kerstin Busch sowie Regina Tiedemann (stehend, von links), Johann Müller, Diana Witte und Marion Senger bilden die tatkräftige Spitze der „Alfster Heimatfrünn“.  Foto: Siems

 

Aktive Vorstandsriege

 

Vorsitzender der Alfster Heimatfrünn ist seit 2009 Johann Müller, zuvor Zweiter Vorsitzender und Stellvertreter von Meta Brokering, die insgesamt 27 Jahre an der Vereinsspitze stand.
 
› Zweite Vorsitzende ist ebenfalls seit 2009 Regina Tiedemann. Sie war auch Leiterin der Trachtengruppe, die zurzeit wegen Überalterung pausiert.
› Ebenfalls im Vorstand: Gunda von Glahn (Kassenwartin) Bettina Müller (stellvertrende Kassenwartin), Susanne Busch-Föllmer (Schriftwartin, zuständig für Plattdeutsch AG und Theater), Marion Senger (stellvertrende Schriftwartin), Diana Witte (Beisitzerin, zuständig für Plattdeutsch AG und Theater), Kerstin Busch (Beisitzerin, Koordinatorin Yoga) und Ina Müller (Beisitzerin, Chorarbeit).

 

Stührwoldt und seine Erlebnisse

 

Alfstedt (uml).  Bereits zum dritten Mal hatten die Alfster Heimatfrünn den Schleswig – Holsteiner Landwirt und Autor Matthias Stührwoldt zu Gast im Heimathaus und auch diesmal mussten wieder zahlreiche Stühle nachgestellt werde, damit alle Zuhörer einen guten Platz hatten.

 

Stührwoldt wurde auch diesmal seinem Ruf gerecht „das beste kommt zum Schluss“ in dem er mit dem akademischen Viertelstündchen Verspätung ankam. In seiner Begrüßung suchte der Vorsitzende der Alfster Heimatfrünn, Johann Müller, nach dem Schuldigen – aber, ob es nun der Lehrling war, der an dem Tag frei hatte oder die Baustelle und somit zu fahrende Umleitung zwischen Zeven und Selsingen wurde nicht wirklich geklärt.

 

Es war aber auch egal, denn die Ankündigung „Buten vor de dör steiht ´n Melkbuur ut Sleswig Holstein“ löste großen Beifall aus und mit dem in allen Norddeutschen Bundesländer  einheitlichen „Moin“ konnte Stührwoldt seine Lesung des Abends beginnen. Wobei – Lesung konnte man nicht sagen, denn Stührwoldt plauderte so, wie ihm der Schnabel gewachsen war, ohne Vorlage, ohne Manuskript  und immer mit viel Gestik.

 

Landwirt, ja das ist der inzwischen  49jährige durch und durch, und viele seiner Geschichten spiegeln das Leben auf seinem Hof wider. Matthias Stührwoldt beginnt seinen Geschichtenabend mit seiner eigenen Biografie, und lässt die Alfstedter an der Entstehung der regionalen Autobahn teilhaben. Nachdem das dortige Bauvorhaben sich immer wieder verzögert  hat, stellten die Geologen fest, dass der Untergrund Moor ist – tja, sagt Stührwoldt, da hätt´ man auch die Bauern fragen können, denen ist dies schon jahrhundertelang bekannt. Doch irgendwann wurde ein Teilstück dieser besagten Autobahn fertig gestellt, so der Humorist, aber vorerst nur 8km lang. Und wie in der Region gemunkelt wurde, nur für die örtlichen Fahrschulen, damit diese auch die geforderten Autobahnfahrten anbieten könnten. Trockener Humor des Landwirts, der den aufmerksamen Zuhörern auch einen nahezu intimen Einblick in seine Familiensituation gab. „Ich bin 49 Jahre alt, verheiratet und habe fünf Kinder – ja und einen Fernseher haben wir auch“. Humorvoll nahm er in einer seiner Geschichten seine Ehefrau auf die Schippe. „Es heißt, eine Frau sei am schönsten zwischen dem zweiten und dem dritten Kind“ berichtet der Landwirt „aber dies stimmt so nicht bei meiner Frau. In diesen Elf Minuten war sie nicht wirklich eine Schönheit und ich habe mich auch nicht getraut, ein Bild zu machen“, so sei es bei einer Zwillingsgeburt nun mal, fügt der Mehrfachvater hinzu.

 

Scherzhaft berichtet  Stührwoldt von der Laan-Party seiner Kinder in heimischer Küche. Bildhaft beschreibt der Autor, wie sich 14 Kinder in Küche, Flur und Nebenraum mit ihren Computern einrichten und Strategiespiele untereinander spielen. „18.30 Uhr in Stolpe: 14 Kinder starren auf ihren Monitor, 24 Uhr in Stolpe: 14 Kinder starren auf ihren Monitor, 06:30 Uhr morgens: 14 Kinder starren auf ihren Monitor – die Küche inzwischen überhitzt durch die Geräte, leere Energy Dosen stapeln sich neben den leeren Pizzakartons und es riecht nach Jung-Mann-Schweiß und Jung-Mann-Pups.“ Keiner der Computerfreaks reagiert auf den Landwirt, der sich vor dem  Melken seinen allmorgendlichen Kaffee aufbrühen möchte.  Doch sobald Stührwoldt seinen Power-Wasserkocher anwirft, springt der F I Schalter raus und die Computer gehen aus -  die 14 Kinder starren ins Schwarze – das nennt man den „Laanparty-killer“.

 

Aber nicht nur mit den großen Kindern machte Stührwoldt seine geschichtsträchtigen Erfahrungen – auch mit den kleinen erlebte er immer wieder etwas, das Stoff für neue Plattdeutsche Döntjes gab. So erklärte der Autor, warum zwei Zippen (weibliche Kaninchen) nie zwei Zippen sind und warum Meerschweinchen extra von Zoohändlern gezüchtet worden sind. „Me(h)rschweinchen heißen Meerschweinchen, weil sie immer zu mehreren sein müssen. Wenn eines stirbt, müsste man schnell ein zweites wieder dazu kaufen – aber komischerweise würde dann kurz darauf wieder das ältere sterben und das Drama geht von neuem los“ so die Erfahrung des fünffachen Vaters.

 

Nun, da seine drei Töchter schon größer sind und sich somit auch deren Kleidungsgeschmack geändert habe, wurden auch die Geschichten anders und teilweise nicht ganz jugendfrei. Die neuste Mode seiner Mädels in Sachen Unterwäsche wurde wie viele andere Familiengeschehnisse auf Platt genauestens „auseinanderklamüsselt“ wie der Norddeutsche so schön sagt. „Stringtanga – kaum noch was dran, das man sie ohne Brille nicht mal mehr sehen kann“ so Stührwoldt, „da könnte man auch ein Sackband nehmen – aber dafür sind die BHs aufgepolstert.“ Klar, dass der Autor daraus etwas Besonderes macht.  „Ich habe die Dinger mal gewogen – so ein Stringtanga wiegt nur 8,5 Gramm – inklusive Waschanleitung in acht Sprachen. Unsere Waschmaschine hat ein Fassungsvermögen von 8 Kilo – da benötigt man 941,1 Stringtangas oder in Zeit zu rechnen, zwei Jahre und sieben Monate um eine Waschladung voll zu bekommen.“ Wie lang die Wäscheleine wohl sein müsse, hatte der Schleswig Holsteiner noch nicht ausgerechnet, hingegen aber das Pendant seiner Frau, das mit 53 Gramm zu Buche schlagen würde, und immerhin schon mit 150 Stück oder nach fünf Monaten gewaschen werden könne.

 

Hier spielte es auch keine Rolle, dass so manche Ausdrücke aus dem Stolper-Platt nicht mit dem der Alfster Platt konform waren, die Lacher waren dem Humoristen sicher.

 

In der Pause nutzte Stührwoldt die Gelegenheit, ein paar von seinen inzwischen sieben Plattdeutschen Büchern zu verkaufen, um dann auch im zweiten Teil erneut mit Feinripp-Unterwäsche mit Eingriff und Einblick, Holsten Bier aus dem Angebot und Lux-Besucher Zigaretten die Lachmuskeln der Zuhörer zu strapazieren.